Wladimir Klitschko kann als Gentleman abtreten

Wladimir Klitschko kann als Gentleman abtreten

Wer am Samstag ein Ticket für das Wembley-Stadion ergattern konnte, ist Zeuge einer epischen Boxnacht geworden. Der Kampf des Jahres zwischen dem neuen Schwergewichts-König Anthony Joshua und Wladimir Klitschko bot schlichtweg alles: Atmosphäre, brutaler Infight und eine nervenaufreibende K.o-Runde! Trotz der 2. Niederlage in Folge verdient die Leistung des Altmeisters nach 17-monatiger Pause große Anerkennung.

Erlebten die 90.000 Zuschauer im zum Boxtempel mutierten Wembley die Götterdämmerung? Es war die einzige Sache, die am Ende ungeklärt blieb. Angesprochen auf das von allen erwartete Karriere-Ende wiegelte der Mann, der mit seinem Bruder Vitali die Schwergewichtsklasse über Jahrzehnte dominiert hatte, erst einmal ab:

„Jetzt ist es zu früh für eine Entscheidung. Geben Sie mir ein paar Tage oder Wochen.“

Zu diesem Zeitpunkt stand Wladimir Klitschko im Ring noch immer voller Adrenalin, aber schwer gezeichnet von der 11. Runde, die einem wahren Thriller glich. Nach dem ersten Niederschlag in Runde 5 schickte Anthony Joshua den 14 Jahre älteren Altmeister nach 4 schweren Kopftreffern mehrmals auf die Bretter.

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Folgerichtig brach Ringrichter David Fields aus den USA den Kampf 37 Sekunden vor dem Gong ab. „Klitschkos Beinarbeit war super, das Kinn nicht okay“, urteilte Boxlegende Lennox Lewis. Joshua, der seine vorherigen 18 Kämpfe allesamt vorzeitig entschieden hatte, schaffte beim Heimspiel in London sein Meisterstück. 107 von 355 Schlägen und vor allem seine knallharten Aufwärtshaken trafen den Ukrainer ins Mark.

Trotzdem stellt sich die Frage: „Was wäre, wenn…?“ Gemeint ist Runde 6, als sich Dr. Steelhammer mit tiefem Cut über dem linken Auge in beeindruckender Art und Weise zurückmeldete. Erstmals in seiner Karriere ging das 114,3 Kilogramm schwere Kraftpaket aus Watford zu Boden. Joshua wirkte angeknockt, doch Klitschko setzte im einzigen Moment, als er den Kampf hätte gewinnen können, nicht entscheidend genug nach.

Rückkampf oder Schlussstrich?

Möglicherweise ist es dieser Augenblick, der Wladimir Klitschko (37% Trefferquote bei 247 Schlägen) davon abhielt, noch am Samstag einen Schlussstrich zu ziehen. Steve Weisfield sah ihn im Gegensatz zu den anderen beiden Punktrichtern vorne und der ungeschlagene Joshua bot eine Revanche an:

„Ich habe nichts dagegen, nochmal gegen ihn zu kämpfen, wenn Wladimir das möchte.“

Die Rückkampf-Klausel im Vertrag zu ziehen, wäre für den den Ex-Champion aber nicht unbedingt ratsam. Die Erfahrung und sein Boxstil helfen ihm gegen einen solchen Gegner über lange Distanz nur bedingt weiter. Entscheidet sich Klitschko nach seiner insgesamt 5. Niederlage für das Karriereende, bleibt er mit einem unvergesslichen Kampf in den Herzen seiner Fans.

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