Vettel und Ferrari: Auf der Suche nach dem Mythos

Vettel und Ferrari: Auf der Suche nach dem Mythos

Druck und Sehnsucht regieren bei keinem anderen Team in der Formel 1 so sehr wie bei Ferrari. Wenn der Traditionsrennstall am 26. März in seine 69. Saison startet, warten die Italiener seit inzwischen 10 Jahren auf einen Titel. Sebastian Vettel bekam die Schattenseiten bei den Roten zu spüren. Sein 3. Ferrari-Jahr wird eines der wichtigsten in seiner Rennsportkarriere.

Zumindest Trainingsweltmeister darf sich Sebastian Vettel schon mal wieder nennen. 1242 Kilometer sammelte der Mann, der im September 2015 in Singapur seinen letzten Sieg eingefahren hatte, bei den ersten Trainingsfahrten in Barcelona vor der Saison 2017. Unter spanischer Sonne glänzte der 29-Jährige im neuen Auto mit schnellen Zeiten, während Lewis Hamilton im Mercedes von einem technischen Defekt lahmgelegt wurde. Ob es in ein paar Wochen auch so aussieht, erscheint höchst fraglich.

Mittlerweile sehen die Buchmacher den 4-fachen Weltmeister (Quote: 9.00) und die stolze Scuderia noch nicht einmal mehr als ärgsten Verfolger für WM-Favorit Hamilton. Mamma mia, werden sich die erfolgsverwöhnten Ferrari-Anhänger denken. Unsere Infografik verdeutlicht noch einmal die Zeichen der Zeit:

 

Auch Rennstall ist in der Bringschuld

Mit Blick auf den Saisonstart in Austalien ist der seit 27 Rennen sieglose Sebastian Vettel gefordert. Aber auch der Rennstall selbst steht in der Pflicht, ein Auto zu stellen, das den Kampf mit dem Branchenprimus Mercedes aufnehmen kann. Folgerichtig lösen die guten Trainingseindrücke der zurückliegenden Tage noch längst keine Euphorie in Maranello aus. Vor rund einem Jahr hatte Ferrari-Präsident Sergio Marchionne noch getönt, dass „wir auf Augenhöhe mit Mercedes fahren werden.“

Das Ergebnis: Der WM-Titel war früh futsch und die Silberpfeile dominierten wie einst Vettel in seinen besten Red Bull-Zeiten. Motorenpannen und fragwürdige Rennstrategien von Teamchef Maurizio Arrivabene taten ihr Übriges. „Ferrari hat in der Vergangenheit eine Menge Lektionen gelernt, die uns in der Zukunft viel stärker machen“, sagte Vettel im Interview mit der Welt.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Als der Heppenheimer vor 2 Jahren zu Ferrari wechselte, hatten ihn die Italiener bereits als neuen Heilsbringer gefeiert. Ein Deutscher, der die Durstrecke der Roten beendet. Wie sein Vorbild Michael Schumacher (5 von 7 Weltmeistertiteln mit Ferrari) wollte auch Sebastian Vettel eine rote Erfolgsära prägen und so seine Karriere vergolden. Trotz der Krise umgibt die Scuderia ein Mythos, der im Motorsport seinesgleichen sucht. Titel mit Ferrari werden nicht nur leidenschaftlicher gefeiert, sondern bedeuten schlichtweg mehr – ein ungeschriebenes Gesetz in der Formel 1.

Zweifel gibt es nahezu an allen Ecken und Enden in der Branche. Selbst der zurückgetretene Weltmeister Nico Rosberg macht seinem Landsmann Vettel nur wenig Hoffnung: „Ich glaube, dass sich Ferrari verbessern wird. Ich sehe sie aber nicht als führendes Team in der WM.“

Dennoch drängt sich die Frage auf: Wenn Ferrari in einer Saison mit fast runderneuerten Autos und Regeln nicht den Weg zurück auf die Überholspur findet, wann dann? Die historische Negativ-Bestmarke von 38 Rennen ohne Ferrari-Erfolg in den 90er-Jahren wäre bereits in ein paar Monaten in Reichweite.

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