Toni Polster über Sevilla, die WM ´98 und Österreichs Chancen bei der EM 2016

Toni Polster über Sevilla, die WM ´98 und Österreichs Chancen bei der EM 2016

Herr Polster, Ihr Ex-Klub FC Sevilla macht derzeit große Schlagzeilen. Europa League Rekordsieger und im Copa del Rey Finale nur knapp Barca unterlegen. Verfolgen Sie das? Gibt es noch Kontakt?

Ja natürlich, 3 Mal hintereinander diesen Pokal zu gewinnen ist ja ein Wahnsinn! Dort wird sehr gut gearbeitet. Mit den Söhnen des damaligen Präsidenten habe ich noch Kontakt. Mit dem heutigen Sportdirekter Monchi habe ich zusammen gespielt, das war unser Ersatztorwart, und der Chefscout Ramon war mein Sturmpartner. Einige Angestellte sind heute auch noch dort.

Sevilla war ja eine sehr erfolgreiche Station für Sie, Sie haben getroffen, wie Sie wollen. Trotzdem haben Sie den Verein dann verlassen. Weil Sie mussten oder wollten?

Nein ich musste nicht. Ich war ablösefrei, konnte mich aber mit dem Klub nicht über einen neuen Vertrag einigen. Es gab Gespräche mit Atletico und Real Madrid, aber das hat nicht funktioniert. Dann kam der Präsident von Logrones auf mich zu, hat mir einen tollen Vertrag angeboten, den er mir allerdings nie bezahlt hat. Ich hätte natürlich bei Sevilla bleiben sollen. Aber nachher ist man immer gescheiter.

Sie waren 5 Jahre in Spanien, kennen den dortigen Fußball sehr gut. Wenn wir einen Blick voraus auf die bevorstehende EM werfen: Trauen Sie den Spaniern zu, dort eine gute Rolle zu spielen?

Ja sicher, der Europameister-Titel wird zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien vergeben. Eines der 3 Länder gewinnt das, da bin ich mir 100% sicher. Die Spanier werden nochmal alles mobilisieren. Wenn Du einen Costa oder Mata zu Hause lässt, die ja Stammspieler bei Chelsea beziehungsweise Man United sind, dann bist Du von der Klasse Deiner Mannschaft überzeugt.

Kommen wir zurück zum Klub-Fußball. Aus Spanien ging es für Sie 1993 weiter nach Köln – Ihre schönste Zeit als Spieler?

Ja, Sevilla und Köln waren die Stationen, die mir am meisten Spaß gemacht haben. In Spanien war ich aber für die Österreicher nur schwer zu sehen, also im TV und den anderen Medien. In Köln war ich ihnen dann wieder ganz nah, die Bundesliga haben sie immer gesehen und zu ihr aufgeblickt. Viele haben mir damals nicht zugetraut, dass ich auch in Deutschland meine Spuren hinterlasse. Für die Wertschätzung in Österreich war es deshalb für mich wahrscheinlich die wichtigste Station.

Mit dem Abstieg 1998 und ihrem Weggang brachen für den FC schwere Zeiten an, er wurde zur Fahrstuhlmannschaft. Heute sieht es wieder besser aus, auch dank Ihres Landsmann Peter Stöger.    

Die Entwicklung unter Peter Stöger ist sehr gut. Aufgestiegen, etabliert in der Bundesliga, im 2. Jahr wieder einen Schritt nach vorne gemacht. Der nächste ist natürlich der schwerste Schritt, jetzt mal so eine Saison hinzulegen, dass man auch international dabei sein kann. Dazu fehlt vielleicht noch etwas Kreativität, Fantasie im Spiel – und Tore. Das ist natürlich mit dem Budget, dass der FC aktuell hat, sehr schwer zu bekommen.

Hand aufs Herz: Hätten Sie Peter Stöger diesen Erfolg zugetraut?

Ja doch, Peter hat immer gezeigt, dass er eine Mannschaft gut führen kann. Er hat einen Reifeprozess durchgemacht und seine persönliche Meisterprüfung jetzt bravourös bestanden. Ich habe von Beginn an gehofft, dass es für ihn so laufen würde. Gott sei Dank ist es auch so gekommen.

In Stögers Mannschaft standen in den letzten Jahren mit Kevin Wimmer und Philipp Hosiner auch 2 Österreicher. Sehen Sie vielleicht noch andere Österreicher, die gut zum FC passen würden?

Es gibt schon noch einige sehr gute Spieler. Aber aus dem Nationalteam spielen ja schon alle im Ausland, abgesehen von Torwart Almer. Da muss man schauen, ob diese Spieler für den FC noch leistbar sind. Aber es gibt ein paar Jüngere, die in den nächsten Jahren in der Bundesliga angreifen könnten.

Wäre Zlatko Junuzovic einer für den 1. FC Köln?

Junuzovic wäre natürlich perfekt für den 1. FC Köln, aber ich glaube nicht, dass Werder Bremen ihn so einfach gehen lassen wird. Er ist dort die absolut spielbestimmende Persönlichkeit.

Aus Köln sind Sie nach Mönchengladbach gewechselt. Ausgerechnet zum Erzrivalen. Trotzdem scheint es so, als hätte es damals vergleichsweise wenig böses Blut gegeben.

Die FC-Fans waren natürlich enttäuscht. Aber ich habe mir den Abschied nicht leicht gemacht. Wir sind abgestiegen, ich hatte noch Vertrag und wäre auch in die 2. Liga gegangen. Es war damals angedacht, dass ich nach der Karriere im Klub weiterarbeite. Aber nach dem Abstieg konnten sich einige Leute daran plötzlich nicht mehr erinnern. Deshalb habe ich gesagt, dass ich unter diesen Voraussetzungen lieber in der Bundesliga bleibe. Gladbach gab mir die Möglichkeit, nach der Karriere im Fußball zu arbeiten. Gleichzeitig konnte ich weiter in Köln wohnen und musste meine Kinder nicht ausschulen. Ich bin nur gewechselt, weil die vorher gegebenen Versprechen nicht gehalten wurden.

Ist von dieser Enttäuschung bis heute etwas hängengeblieben?

Nein, gar nicht, ich habe sowohl zur Borussia als auch zum 1. FC Köln ein tolles Verhältnis. Ich habe diesen Wechsel auch letztlich nicht bereut. Ich hatte in Gladbach nach der Karriere die Möglichkeit, alle Facetten eines tollen Klubs kennenzulernen. Ich habe dort sehr viel gelernt und kann heute sagen, dass ich einen Klub führen kann – sportlich, wirtschaftlich, vom Marketing bis zum Merchandising.

Auch Mönchengladbach hat in den letzten Jahren eine sehr erfreuliche Entwicklung gemacht – bis in die Champions League. Wie beurteilen Sie die Borussia?

Auch diese Entwicklung ist sensationell. Gerade mit dem neuen Stadion im Rücken. Bei der Borussia wurde ein ganz toller Job gemacht. Und auf dem Weg dorthin befindet sich auch der 1. FC Köln. Wenn jetzt jedes Jahr noch ein kleiner Schritt nach vorne gemacht wird, kann in ein paar Jahren auch Europacup gespielt werden. Borussia ist jetzt praktisch jedes Jahr international dabei.

Zurück ins Jahr 1998. Sie sind dann zur WM gefahren – bis zur aktuellen Elf die letzte österreichische Mannschaft, die sich sportlich für ein großes Turnier qualifiziert hat. Ihr Blick zurück?

Wir hatten ein tolles Gerüst mit Konsel im Tor, Feiersinger hinten, Herzog in der Mitte und mir vorne. Unser großes Problem bei der WM war die richtige Einschätzung Kameruns. Wäre die Konstellation so gewesen, dass wir erst im letzten Spiel auf Kamerun getroffen wären und hätten gewinnen müssen, dann hätten wir sie auch geschlagen. Aber im ersten Spiel war das schwer. Wir wussten nicht richtig, wo sie stehen und wo wir selbst stehen. Kamerun hat vor der Weltmeisterschaft in Holland 0:0 gespielt, das hat uns doch großen Respekt abverlangt. Leider war es eben nicht das letzte Gruppenspiel, sondern das erste. Die heutige Mannschaft wird bei der Europameisterschaft in einer ganz anderen Situation sein. Das österreichische Team muss Ungarn und Island schlagen, wenn es weiterkommen will. Gegen Portugal muss man halt mitnehmen, was geht.

Wenn Sie sich die heutige Mannschaft anschauen: Ist dieses Team noch besser aufgestellt?

Wir haben jetzt natürlich viele Spieler, die sich im Ausland durchgesetzt haben, dort Stammspieler sind und insgesamt eine tolle Entwicklung genommen haben. Hinten steht mit Almer ein Torwart, der Sicherheit ausstrahlt. Dann eine richtig starke Defensive mit Alaba, Dragovic und Baumgartlinger, zentral Junuzovic – und vorne ein Marc Janko, der die Tore schießt. Dazu kommen ein hochtalentierter Arnautovic und Martin Harnik. Das ist schon ein richtig starkes Team.

Wer ist für Sie der Schlüsselspieler?

Über den Dingen steht natürlich David Alaba, der in seinen jungen Jahren schon so viel mit Bayern gewonnen hat. Er ist sicher unser Vorzeigespieler. Im Nationalteam ist er in zentraler Position – anders als bei den Bayern, wo er ja auf der linken Seite spielt – da dreht sich sehr viel um ihn.

In Österreich herrscht eine fast schon euphorische Stimmung. Beflügelt das die Mannschaft oder ist das schon zu viel Druck?

Dass in Österreich eine Euphorie herrscht, wenn das Team sich qualifiziert, ist ganz normal. Aber die Jungs müssen die Lage richtig einordnen können und bescheiden bleiben. Sie haben eine tolle Qualifikation gespielt mit einem Unentschieden und sonst nur Siegen. In einer Gruppe mit Schweden und Russland ist das aller Ehren wert. Aber sie müssen natürlich mit beiden Beinen am Boden bleiben.

Was glauben Sie: Wie weit kann Österreich bei der EM kommen?

Ich hoffe, dass wir so spät wie möglich auf Deutschland, Frankreich oder Spanien treffen. Diese drei Mannschaften stehen sicher etwas über uns, aber  vor den anderen Teams brauchen wir uns nicht zu fürchten, wenn wir einen halbwegs guten Tag haben.

Und was trauen Sie der deutschen Elf zu?

Von mir wird ja erwartet das ich mich festlege – und ich habe mich festgelegt: Ich glaube, dass Deutschland den Titel holt!

Werden Sie in Frankreich dabei sein?

Ich habe meine tägliche Zeitungskolumne und bin hier in Österreich bei etlichen Public Viewings als Experte engagiert, Frankreich wird da nicht möglich sein.

Zu guter Letzt, Herr Polster: Was dürfen wir von Ihnen zukünftig noch erwarten?

Ich bin weiter mit Begeisterung und großer Leidenschaft Fußballtrainer, aktuell bei der Wiener Viktoria in der höchsten Spielklasse der Stadt. Mein Ziel bleibt es aber natürlich, irgendwann mal Bundesliga-Trainer zu werden. Dafür arbeite ich, aber das ist nicht so einfach, weil ich es nicht mehr wie als Spieler selbst steuern kann. Irgendwann wird sich diese Chance ergeben und ich werde mein Bestes geben, um wieder viele, viele Menschen – wie schon als Spieler – glücklich zu machen.

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