Christian Ziege: „Die Stimmung im Land ist gegen Jogi Löw.“

Christian Ziege: „Die Stimmung im Land ist gegen Jogi Löw.“

Christian Ziege ist Europameister, war als Spieler in Deutschland, England und Italien bei Top-Klubs tätig. Als Trainer sammelte er bei der DFB-Jugend (U18 und U19) Erfahrung. In seiner Vita stehen Trainer-Engagements bei deutschen, spanischen und zuletzt thailändischen Klubs. Im bwin-Interview spricht er über die Gründe für das frühe Ausscheiden der DFB-Elf, die aufgegangenen Sterne der WM, warum der asiatische Fußball sein Geld falsch einsetzt und wie man ohne Transfersummen in englischen Dimensionen heutzutage erfolgreich sein kann.

Nach Deutschlands WM-Aus standen die meisten zuallererst unter Schock. Mittlerweile wird nach den Gründen für die Blamage gesucht. Wie können Sie sich das schlechte Abschneiden der DFB-Elf erklären?

Es sind einfach zu viele Dinge abseits des Platzes miserabel gelaufen und auch der Mannschaftszusammenhalt soll nicht gut gewesen sein. Wenn man aber nicht als geschlossene Einheit in ein WM-Turnier geht, hat man von Anfang an keine Chance. Dazu kam, dass einige zumindest fragwürdige Aufstellungsentscheidungen getroffen wurden – speziell in Bezug auf Özil und Khedira. Die Mannschaft machte auf dem Platz auch nicht immer den Eindruck, als sei sie hungrig auf den Titel.

Gerade in Bezug auf den mangelnden Titelhunger wurden Stimmen laut, das Team wieder jünger zu machen. Glauben Sie, dass das als Folge des Turniers geschehen wird?

In den nächsten Jahren kann ich mir das nur schwer vorstellen, aber es muss sich auf jeden Fall die Struktur und Hierarchie der Mannschaft ändern. Özil und Boateng konnten auf Grund von Verletzungen in letzter Zeit kaum Spielpraxis sammeln, über Manuel Neuer brauchen wir gar nicht sprechen. Hier sollte angesetzt werden und vor allem das Leistungsprinzip gelten.

Joachim Löw bleibt DFB Trainer. Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?

Auf der einen Seite finde ich es immer ganz gut, wenn man nicht davonläuft, wenn es mal nicht gelaufen ist. Man muss eindeutig sagen, dass Jogi Löw das Gesicht dieser Mannschaft war und die erfolgreiche Spielweise mitgeschaffen hat. Auf der anderen Seite arbeitet Jogi Löw jetzt schon seit 2006 mit der Mannschaft zusammen. Das sind 12 Jahre. Hier stellt sich die Frage, ob es nicht gut wäre, wenn die Spieler einen neuen Trainer bekämen, der frischen Wind einbringt.

Christian Ziege absolvierte zwischen 1993 und 2004 72 Länderspiele für Deutschland.

Offensichtlich ist, dass die Stimmung im Land gegen ihn ist und sich die Menschen eine Veränderung wünschen. Da hat sich aber die Führungsriege des DFB nicht clever verhalten. Durch die völlig unnötige Vertragsverlängerung vor dem Turnier hatte man die Karten nicht in der eigenen Hand.

Bei der WM gehen klassischerweise die Sterne einiger junger, oder bislang eher unauffälliger Spieler auf. Bei diesem Turnier werden häufig die Namen Kylian Mbappe und Ante Rebic genannt. Gibt es für Sie ansonsten eine Durchbruchssensation?

Einen sensationellen Durchbruch gab es für mich nicht nicht. Ich finde es aber in höchstem Maße beeindruckend, was Mbappe bei diesem Turnier unter hohem Druck zeigt.
Auch Rebic, der eine super Saison bei der Eintracht gespielt hat, konnte das Momentum aus der Saison mitnehmen und zeigt tolle Leistungen. Sowas in einem kleineren Land wie Kroatien – das ist schon beeindruckend.

Glauben Sie Eintracht Frankfurt kann Ante Rebic halten?

Nach so einer Weltmeisterschaft wird es auf jeden Fall einige Anfragen geben. Da kommt es dann vor allem darauf an, wie Frankfurt sich positioniert, wollen sie ihn unbedingt behalten oder gibt es eine Schmerzgrenze.

Der Videobeweis ist bei dieser WM zum ersten Mal im ganz großen Stil ausprobiert und eingeführt worden. Dazu gibt es sowohl positive als auch negative Stimmen. Wie stehen Sie dazu? Ist es geglückt?

Ich sehe es bei der WM zumindest wesentlich positiver als es in der Bundesliga (alle Bundesliga Wetten) durchgeführt wurde, weil es transparenter ist. Hier können es die Leute mitverfolgen und die Entscheidungen waren nahezu immer richtig. Ich weiß, dass der Fußball durch so eine Sache ein Stück weit gerechter werden kann. Diesbezüglich gibt es wahrscheinlich auch keine 2 Meinungen, aber ich fürchte, das Herz des Fußballs könnte dabei verloren gehen. Jeder schaut nach einem Tor nur noch panisch danach, ob es wohl zählt. Das Jubeln und die Stimmung gehen dabei ein wenig unter. Mir hat es ohne einfach besser gefallen.

Es fallen bei der WM so viele Tore in der Nachspielzeit wie noch nie zuvor, weil die Summe der Minuten der Nachspielzeit exakt nach den Regeln gerechnet wird. Sehen Sie das positiv?

Wenn es eine Regel gibt, sollte man das auch so umsetzen. Auswechslungen, Verletzungspausen, Tore und auch der Videobeweis kosten Zeit und dann finde ich es auch gut, dass entsprechend nachgespielt wird.

Ich finde es aber wenig überraschend, dass viele Tore in der Nachspielzeit fallen, weil es einfach mit der physischen Situation der Spieler zu tun hat. Je länger ein Spiel und ein Turnier dauert, desto größer wird die Müdigkeit. Dies führt dazu, dass die Konzentration nicht mehr am höchsten Level ist und so passieren dann auch Tore.

Ziege, Arminia Bielefeld, Arminia Quoten, Arminia Wetten
Arminia Bielefeld war die erste Profi-Trainerstation von Christian Ziege.

Die asiatischen Teams Südkorea und Japan haben bei dieser WM respektabel abgeschnitten und China macht ohnehin jede Saison Schlagzeilen mit Unsummen an Transfergeldern, die für europäische und südamerikanische Spieler bezahlt werden. Sie selbst waren in Thailand Trainer – wie ist Ihr Eindruck des derzeitigen Stands des asiatischen Fußballs und wie schätzen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren ein?

Um das Niveau der Liga zu verbessern, ist es ein guter Weg, so wie es zum Teil auch gemacht wurde,  gute Spieler aus dem Ausland zu holen. Man muss jedoch aufpassen, dass man die richtigen Spieler holt. Nicht die, die nur auf Grund des Geldes kommen.

Das ist das große Problem, das ich auch in Thailand gesehen habe. Es wäre ausreichend Geld vorhanden. Es  wird nur nicht immer sinnvoll eingesetzt. Man will in Asien Spieler kaufen, damit man jetzt Erfolg hat. Stattdessen sollte man eher langfristig in Jugendstrukturen investieren, sodass man auf lange Sicht auch eigene erfolgreiche Spieler nachrücken. Wenn man sich ein großes Land wie China ansieht, kann es eigentlich nicht sein, dass hier nicht jedes Jahr 20 Leute auf Top-Niveau dabei sind.

Auch die Rekordablösen der letzten Jahre in der Premier League sorgen für viele Misstöne. Glauben Sie, es muss früher oder später eine neue Financial Fair Play Regulation für den gesamten internationalen Profifußball geben?

Das ist kompletter Irrsinn, mit welchen Summen herumgeschmissen wird. Das ist auch der Faktor, wo sich der Fußball ein Stück weit von den Leuten entfernen wird. Ich denke, dass ein Financial Fairplay hier ein Weg sein könnte. Die Regelungen sind aktuell aber nicht wirklich effektiv. So lange sich da nichts ändert, wird der Transferwahnsinn weitergehen.

Glauben Sie, dass die deutsche Bundesliga in den nächsten Jahren mit den Summen, die in der englischen Premier League geboten werden, noch mithalten kann?

Ich weiß gar nicht, ob man da mithalten muss. Ich glaube, dass es genügend Möglichkeiten gibt, auf diese Unsummen zu verzichten und auf Jugend, Talent und gute Ausbildung zu setzen. Diese WM (alle WM Wetten) zeigt, dass es nicht wichtig ist, dass man viele Spieler zusammenkauft, sondern dass man eine gute Truppe hat, die zusammen funktioniert. Ich glaube daher nicht, dass man diesen Wahnsinn unbedingt mitgehen muss.

Haben Sie in der kommenden Saison schon Pläne? Überlegen Sie als Trainer, Manager oder Sportdirektor in das aktive Geschehen zurückzukehren und gibt es vielleicht sogar schon Angebote?

Fußball war und ist einfach immer ein Teil meines Lebens. Daher würde es mich natürlich reizen als Trainer oder als Sportdirektor ins täglich Geschäft zurückzukehren. Gerade in England gibt es da einige durchaus interessante Vereine. Ich habe aber keinen Druck und werde einen neuen Job nur übernehmen, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen. Bis dahin werde ich als Experte für das deutsche TV den deutschen und auch internationalen weiter beobachten und analysieren.

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