Interview: Uli Stein über die EM, den Suppenkasper-Skandal und die Leiden des HSV

Interview: Uli Stein über die EM, den Suppenkasper-Skandal und die Leiden des HSV

Hallo, Herr Stein! Wo haben Sie gestern das Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft verfolgt?

Ich war mit meiner Familie auf Sylt im Urlaub. Dort haben wir zusammen die Ukraine-Partie gesehen.

Und wie ist Ihre Meinung?

Das Spiel war hart umkämpft, aber am Ende geht der Sieg vollkommen in Ordnung. Allerdings hat mir die deutsche Defensive noch nicht gefallen. Die Ukrainer kamen zu einigen Möglichkeiten, bei denen Manuel Neuer 2 Mal glänzend pariert hat.

Was trauen Sie dem Löw-Team bei dieser Europameisterschaft zu?

Ich habe auf das Endspiel Deutschland gegen England getippt. Und wenn wir im Finale stehen, werden wir auch Europameister. Der Start ins Turnier war auf jeden Fall schon mal sehr ordentlich.

Und wer ist Ihr ganz großer Favorit auf das Turnier?

Belgien ist für mich ein Geheimfavorit, den ich bereits 2014 bei der Weltmeisterschaft auf der Rechnung hatte. Damals hat es noch nicht ganz so gut funktioniert, aber inzwischen ist die Mannschaft 2 Jahre gereift. Aber auch die Franzosen können durch den Heimvorteil ein Wörtchen um den Titel mitsprechen. Da ich vom Finale zwischen Deutschland und England überzeugt bin, gehören die Three Lions, auch wenn das erste Spiel mit dem 1:1 gegen Russland noch nicht überragend war, natürlich auch zum Favoritenkreis. Sie haben eine sehr junge, aber modern spielende Mannschaft, die nicht mehr mit dem alten Kick and Rush auftritt.

Haben es ter Stegen & Leno als Nummer 2 und 3 einfacher als Sie damals, weil sie mit Neuer den besten Keeper vor der Nase haben?

Ich würde sagen, dass das Trainerteam um Joachim Löw es einfach hat. Manuel Neuer ist ganz klar die deutsche Nummer 1. Da gibt es überhaupt keine Diskussionen. Auch Marc-André ter Stegen und Bernd Leno wissen das und daher gibt es keine Probleme.

Sie selbst wissen wie es ist, für Deutschland bei einem großen Turnier dabei zu sein. 1986 fuhren Sie mit zur Weltmeisterschaft nach Mexiko.

Wir waren damals schon viel früher im Austragungsland als die Jungs bei der aktuellen EM. Wir mussten uns in Mexiko akklimatisieren und waren daher einige Woche vorher angereist. Innerhalb dieser Zeit vor dem Turnier baut sich natürlich eine große Anspannung auf, die bei zu langem Vorlauf auch schon wieder kippen kann. Es muss einfach so sein, dass die Vorfreude in Spannung übergeht und anschließend sofort das Turnier beginnt. Das ist die optimale Variante.

Damals blieb natürlich vor allem der Suppenkasper-Skandal im Gedächtnis. Eine Geschichte – auch wenn sie damals von der Presse falsch dargestellt wurde – über die Sie heute auch schmunzeln können?

Mit nun 30 Jahren Abstand kann ich vor allem über die Art und Weise, in der über den Skandal berichtet wurde, lächeln. Unmittelbar nachdem ich aus Mexiko zurückgekehrt war, war die Sache für mich abgehakt. Allerdings tat es im ersten Moment schon extrem weh.

Trotz der Suspendierung 1986 rief Teamchef Franz Beckenbauer vor der WM 1990 noch einmal an und lotete die Möglichkeit eines Comebacks aus. Doch der damalige Präsident Hermann Neuberger legte sein Veto ein. Hätten Sie einer Rückkehr noch einmal zugestimmt?

Ich hätte es gemacht. Ich habe sofort meine Bereitschaft signalisiert, allerdings kam sofort von ganz oben durch Hermann Neuberger das Veto. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, da ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch einmal für Deutschland auflaufen darf, nur auf rund 10% geschätzt habe. Ich habe mehr oder weniger mit dieser Entscheidung gerechnet.

Anschließend waren sie, gelinde gesagt, in den Bundesliga-Stadien nicht mehr der beliebteste Spieler. War es für Sie nie eine Option ins Ausland zu gehen, wo man solche Querelen nicht so sehr mitbekommt?

Die Ausland war sowohl 1986 als auch 1987 nach meinem Aus beim Hamburger SV eine Option. Ich hatte Angebote aus Frankreich, England und der Türkei vorliegen. Allerdings scheiterten die Transfers immer an den zu hohen Ablöseforderungen der HSV-Verantwortlichen.

1988 sagte Ihr Trainer Karl-Heinz Feldkamp, dass Ihre Verpflichtung entscheidend für den DFB-Pokal-Erfolg gewesen sei. Wie sehr schmeichelte Ihnen damals eine solche Aussage?

Ich fand es toll. Es tat gut, nach den schweren Jahren wieder einmal positive Resonanz zu bekommen.

Rote Karten, die Verbannung aus der Nationalmannschaft – wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken würden Sie nachträglich etwas ändern wollen?

Das Einzige, dass ich mir vorwerfen lassen muss, ist, dass ich nicht diplomatisch genug war. Das habe ich inzwischen zwar auch noch nicht zu 100% drauf, aber ich habe auf jeden Fall dazugelernt. Zu meinen Aussagen und meiner Art, wie ich mich in der Öffentlichkeit gegeben habe, dazu stehe ich. Allerdings hätte in es in der einen oder anderen Situation etwas anders rüberbringen können.

Als Trainer sind Sie weit herumgekommen. Torwartcoach in Kuwait, Nigeria und Aserbaidschan: Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit und die Spieler in solchen Ländern von der in Deutschland?

Es gibt viele Dinge, die dort anders laufen, als wir sie kennen. Nigeria hatte damals wirklich eine Top-Mannschaft, deren Spieler fast ausschließlich in England, Frankreich und Italien gespielt haben, allerdings gab es Probleme mit den Funktionären dort. Viele von denen waren korrupt. Zum Teil mussten die Spieler zu Länderspielen auf eigene Kosten anreisen. In Aserbaidschan war es ein etwas anderes Bild. Die Führungsebene hat uns alles ermöglicht, was wir wollten. Dafür war das sportliche Niveau der Mannschaft nicht so gut. Eine Mischung aus der Mannschaft in Nigeria und den Funktionären in Aserbaidschan wäre eine Super-Lösung.

Und was ist die beste Anekdote aus Ihrer Zeit im Ausland?

Wir haben einmal mitbekommen, wie ein deutscher Bankier, der in Aserbaidschan beruflich unterwegs war, einen Unfall in die Schuhe geschoben bekommen hat. Er fuhr bei grün über eine Kreuzung, während ein Einheimischer bei rot gefahren war. Der Polizist, der die Sache klären sollte, sagte anschließend zum deutschen Bankier: ‚Sie sind schuld, weil Sie in diesem Land sind.‘ Über die Rechtsprechung in einigen Ländern muss man echt schmunzeln.

1 Mal Pokalsieger, 2 Meisterschaften, 1 Mal Champions League-Sieger – Ihre erfolgreichste Zeit hatten Sie beim Hamburger SV. Wie sehr verfolgen Sie den HSV heute noch?

Hamburg, dass es dort wieder bergauf geht. Nachdem der Handball und das Eishockey in der Stadt weggebrochen sind, ist der Fußball der letzte Hoffnungsanker.

Mit 42 Jahren 5 Monaten und 19 Tagen sind Sie der älteste Keeper, der jemals in der Bundesliga eingesetzt wurde. Wieso konnten Sie einfach nicht aufhören?

Ich habe so gerne Fußball gespielt, dass ich einfach so lange weitergespielt habe, wie es mit der Leistung gepasst hat. Ich habe schon immer gesagt, dass es keine jungen und alten Fußballer gibt, sondern nur gute und schlechte. Felix Magath war ein großer Fürsprecher, der immer gesagt hat: ‚Uli, spiel so lange du kannst!‘.

Wie sieht es bei Ihnen derzeit beruflich aus?

Ich werde ab dem 20. Juni eine Woche  lang als EM-Experte für RTL und n-tv agieren. Jeden Montag von 7 Uhr bis 9 Uhr werde ich dann ein wenig über die EM-Spiele fachsimpeln.

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