Hannover 96: War die Stendel-Entlassung wirklich notwendig?

Hannover 96: War die Stendel-Entlassung wirklich notwendig?

Es ist wohl eine der fragwürdigsten Trainer-Entlassungen in dieser Saison: Daniel Stendel wurde von seinen Aufgaben als Cheftrainer des Bundesliga-Absteigers Hannover 96 entbunden, obwohl Hannover oben mitmischt und weiterhin alle Chancen hat, den direkten Wiederaufstieg zu schaffen. Platz 4 steht zu Buche, der Rückstand auf Spitzenreiter VfB Stuttgart beträgt gerade einmal 3 Punkte.

Stendels Nachfolger ist der ehemalige Schalke-Coach André Breitenreiter, der damit erneut mit Sportdirektor Horst Heldt zusammenarbeitet. Heldt war von Juli 2010 bis Mai 2016 für S04 tätig und hat vor zwei Wochen sein Amt bei den 96ern angetreten. Breitenreiter führte die Schalker in der letzten Saison auf Platz 5, wurde dann freigestellt. Für sein Engagement bei seinem Heimatverein Hannover, bei dem er als Spieler einst Profi geworden war, löste Breitenreiter seinen ursprünglich noch bis Saisonende laufenden Vertrag in Gelsenkirchen auf.

Stendel hatte seit Wochen einen schweren Stand

Bereits nach der Entlassung von Geschäftsführer Martin Bader sowie dem Sportlichen Leiter Christian Möckel und der anschließenden Präsentation von Heldt als neuen Sportdirektor hatte es Diskussionen um eine mögliche Freistellung Stendels gegeben. Der 42-jährige Fußball-Lehrer bekam aber zunächst das Vertrauen, holte aus 2 Spielen 4 Punkte. Und dennoch musste der frühere Bundesligaspieler, der von 1999 bis 2006 selbst für die 96-Profis am Ball war und 2008 seine Karriere in der U 23-Mannschaft der Niedersachsen als spielender Co-Trainer beendet hatte, nach dem jüngsten 0:0 beim FC St. Pauli und rund 12 Monaten Amtszeit gehen.

Lienens Kritik an Trainer-Diskussion half nicht

Unmittelbar nach dem torlosen Remis in Hamburg hatte St. Pauli-Cheftrainer Ewald Lienen noch versucht, Stendel den Rücken zu stärken. Der 63-jährige Kult-Trainer sprach Klartext:

„Ich frage mich, wie man in einer Situation, wo der Punktestand in der vierköpfigen Spitzengruppe 49, 47, 47, 46 ist und man kurz davor ist, in die Bundesliga zurückzukehren, den Trainer in Frage stellen kann. Das finde ich skandalös und ist für mich lächerlich. Da kann ich nichts mit anfangen.“

Für die 96-Verantwortlichen um Präsident Martin Kind war es aber anscheinend nicht lächerlich. Trotz einer durchaus ordentlichen Saison, in der sogar das DFB-Pokal-Achtelfinale erreicht wurde und erst gegen Bundesligist Eintracht Frankfurt (1:2) Schluss war, ist die Zeit für Stendel bei 96 vorbei.

Fast 200 Spiele im Hannover-Trikot

Damit trennte sich der Zweitligist von einem langjährigen Spieler und Trainer, der sich wohl wie kaum ein anderer mit dem Verein identifiziert. Insgesamt 199 Partien absolvierte der frühere Offensivspieler Stendel in der 1. und 2. Bundesliga sowie im DFB-Pokal.

Von 2007 bis 2016 arbeitete der gebürtige Frankfurter als Trainer im Nachwuchsbereich der 96er. In der letzten Saison feierte er mit dem Sieg mit der U 19-Bundesligamannschaft im DFB-Junioren-Vereinspokal einen großartigen Erfolg. Und jetzt ist auf einmal Schluss. Stendel hätte definitiv einen schöneren Abschied von seinem Herzensverein verdient gehabt.

Breitenreiter unter Druck

Dass der neue Cheftrainer André Breitenreiter vor den restlichen 9 Spielen gehörig unter Druck steht, sollte klar sein. Vor allem, weil es sein Startprogramm in sich hat. Sein Pflichtspieldebüt gibt er am kommenden Samstag (ab 13 Uhr) gegen Aufstiegskonkurrent Union Berlin. Es folgen Spiele gegen den 1. FC Nürnberg, beim Aufsteiger Würzburger Kickers und gegen den drittplatzierten Tabellennachbarn Eintracht Braunschweig.

Das Duo Heldt/Breitenreiter muss liefern – und das am besten sofort. Die Generalprobe für das Spitzenspiel gegen Union Berlin gibt es übrigens am Donnerstag. In einem Benefizspiel, dessen Erlöse die Kampagne „PROjekt Bolzplatz“ für die umfangreiche Instandsetzung zahlreicher Bolzplätze im Hannoveraner Stadtgebiet nutzt, trifft 96 ab 18.30 Uhr auf den FC Schalke 04. Vor allem Breitenreiter und Heldt werden sicher gewillt sein, bereits in der Partie gegen ihren Ex-Klub zu zeigen, in welche Richtung es in den kommenden Wochen gehen soll.

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