Emmanuel Petit übt Kritik: Mertesacker ist über dem Ablaufdatum, Mustafi zu schlecht!

Emmanuel Petit übt Kritik: Mertesacker ist über dem Ablaufdatum, Mustafi zu schlecht!

Herr Petit, wie sehen Sie die Entwicklung der jungen Franzosen Kingsley Coman und Ousmane Dembele, die ihr Glück in der Bundesliga suchen?

Coman ist sehr interessant. Er hat in den letzten Monaten nicht sehr viel gespielt, aber Spielzeiten bei einem Top-Klub wie Bayern München zu bekommen, ist schwierig. Zudem spielt er auf der gleichen Position wie Arjen Robben, was es ihm nicht unbedingt leichter macht. Er hat auch in dieser Saison wieder viele gute Ansätze gezeigt. Ich glaube, dass wir in der kommenden Spielzeit noch viel mehr von ihm sehen werden.

Bei Dembele ist das eine andere Betrachtung. Er ist ein Glücksgriff für Dortmund. Er selbst hat sich sehr verbessert, seitdem er Rennes verlassen hat. Es ist für mich nicht überraschend, dass er inzwischen Nationalspieler geworden ist. Frankreich hat viele talentierte Spieler. Der Schritt ins Ausland tut ihnen gut, weil sie dadurch reifen, ihre Qualität verbessern und bessere Spieler werden. Dafür ist Dembele ein sehr gutes Beispiel. Er und Coman haben aber längst noch nicht ausgelernt, wir werden noch viel Spaß mit beiden Spielern haben.

Zuletzt wurde Coman nicht für die Nationalmannschaft nominiert, Dembele schon. Ich denke, sie werden beide eine Bedrohung für Moussa Sissoko, der in dieser Saison nicht viel für Tottenham gespielt hat. Besonders Dembele hat bereits in diesem Jahr die Chance, ihn zu verdrängen und zur WM zu fahren. Frankreich hat so viele Optionen im Mittelfeld und im Angriff, Didier Deschamps hat da ein echtes Luxusproblem.

Kommen wir auf die deutschen Spieler beim FC Arsenal zu sprechen. Der Vertrag von Per Mertesacker wurde im Januar verlängert. Er ist fit, hat aber in den vergangenen Monaten nicht gespielt. Wie sehen Sie die Situation des Klubkapitäns?

Da er seit einiger Zeit kein Spiel mehr absolviert hat, ist es für Arsenal schwierig, ihn wieder zu integrieren. Nur aufgrund von Verletzungen darf er am Samstag im Pokal spielen. Ansonsten wäre es eine große Überraschung für mich, wenn er in Zukunft auflaufen sollte. Er war ein großartiger Verteidiger in der Vergangenheit, aber er hat seine besten Tage hinter sich.

Er ist nicht in der physischen Form, um jedes einzelne Spiel zu spielen. Die Anforderungen, 3 Mal in der Woche spielen zu müssen, kann er nicht mehr erfüllen. Er muss seine Fitness ständig kontrollieren, weshalb er auch aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist, um sich auf den Klub zu konzentrieren und eine längere Vereinslaufbahn zu haben. Kann er der Führungsspieler sein, der Arsenal momentan fehlt? Ich glaube nicht! Ich denke, Laurent Koscielny ist die beste Person für diese Rolle und wird diese auch in der kommenden Saison perfekt ausfüllen.

Ist Shkodran Mustafi gut genug für Arsenal? Sehen Sie für ihn eine langfristige Rolle im Verein?

Ich finde Mustafi muss mehr bringen. Vor allem in Bezug auf Führungsqualitäten eines Verteidigers ist seine Entwicklung neben Koscielny zu wenig. Koscielny ist ein Top-Verteidiger und wenn Mustafi ansatzweise auf ähnlichem Niveau agieren kann, wäre das eine gute Basis. Das sehe ich allerdings nicht. Wenger und Arsenal müssen auf dem Markt die Augen nach einem Innenverteidiger offen halten, denn Mustafi fällt im Vergleich zu Koscielny zu deutlich ab.

Er hat in der Champions League viele Fehler gemacht. Gegen Bayern München hat er komplett seinen Kopf verloren. Das zu Hause vor dem Fernseher zu sehen, hat mich sehr frustriert. Er hat eine ordentliche Saison gespielt, aber von einem Weltmeister sollte man mehr erwarten können.

Paris wird sicherlich auch in diesem Sommer wieder viel Geld in die Hand nehmen. Denken Sie, dass Monaco erneut die Liga gewinnen kann?

Es war eine sehr schwierige Saison für Paris St Germain. Die Niederlage in der Champions League gegen Barcelona war ein Stich ins Herz. Sie haben das Spiel in ihrem Kopf verloren. Unai Emery hatte ein sehr schwieriges erstes Jahr in Paris und jetzt, da die Financial-Fair-Play-Einschränkungen aufgehoben wurden, bin ich mir sicher, dass sie nach dieser Saison viel Geld investieren werden.

Ein Blick auf die letzten beiden Transferperioden zeigt, dass PSG knapp € 150 Mio. ausgegeben hat. Und für was? Um die nationale Meisterschaft zu gewinnen? Das ist zu wenig für die hohen Ambitionen der Besitzer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie in der kommenden Spielzeit zurückschlagen werden und Monaco vom Thron stoßen. Sie kommen nach der enttäuschenden Saison mit Wut und neuen Spielern.

Dieses Jahr war schlecht, auch außerhalb des Platzes. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich das Verhalten von Spielern wie Serge Aurier sehe. Emery muss ein gutes Comeback hinlegen, so wie einst Laurent Blanc. Ansonsten wird es auch für ihn eng. Klar ist es nicht einfach in einem fremden Land mit neuer Sprache, aber mit dieser Mannschaft muss er bessere Resultate einfahren.

Gucken Sie sich Mourinho, Ancelotti, Guardiola oder Zidane an. Jeder dieser Trainer tritt einen großen Job an und bekommt keine Übergangszeit. Sie kommen an und es werden sofort Titel erwartet. Wenn du für große Vereine arbeitest, gibt es keine Eingewöhnungszeit. Deshalb muss auch Emery seinen Job besser machen. Er hatte in dieser Saison ein Autoritätsproblem. Wenn die Spieler sich falsch oder schlecht verhalten, fliegen sie aus dem Team oder landen auf der Transferliste. Das ist in Paris in dieser Spielzeit nicht passiert.

In Barcelona ist die Zeit von Luis Enrique fast vorbei. Wie bewerten Sie seinen Rücktritt?

Als Trainer bei einem der weltweit größten Klubs zu arbeiten, ist es wie in einer Waschmaschine zu leben. Sie wachen morgens mit Kopfschmerzen auf und sie schlafen nachts mit Kopfschmerzen ein. Der Druck ist sehr groß. Trotzdem ist es ein guter Job. Man ist berühmt und wird gut bezahlt. Niemand zwingt dich, diese Arbeit zu machen. Wenn du damit nicht zufrieden bist, dann kannst du aufhören. Und genau das macht Luis Enrique.

Er ist einer der wenigen Trainer, der freiwillig aufhört. Gewöhnlich warten sie auf ihre Entlassung. So ist es bei Klopp in Liverpool, Bilic bei West Ham, Emery in Paris oder Jardim in Monaco – die Erwartungen sind extrem hoch. Physisch ist das sehr anspruchsvoll. Jedes Mal, wenn ich mir Enrique auf der Bank anschaue, sieht er sehr müde aus, psychologisch und geistig auch. Es ist ja seit längerem bekannt, dass er nach der Saison aufhören wird. Vielleicht wollte er durch die frühe Bekanntgabe den Druck auf die Spieler erhöhen. Das ist ihm aber nicht gelungen. Ich persönlich bin von der Saison von Barcelona enttäuscht.

Ich glaube, Enrique war am Ende der Straße. Er war müde, körperlich und geistig. Ich glaube, er wollte eine Pause machen, genau wie Guardiola und Laurent Blanc. Manchmal muss man ein Jahr regenerieren und den Akku wieder aufladen. Sich in diesem Job jeden Tag wieder neu zu motivieren ist sehr anstrengend. Wenn du mit deinen Spielern kommunizieren und sie motivieren musst, nachdem du ein wichtiges Spiel mit dem Druck deiner Fans und der Medien verloren hast, ist das sehr schwierig. Dazu kommt noch das eigene Privatleben, was immer zu kurz kommt. 3 Jahre bei einem Klub wie Barcelona sind sehr anspruchsvoll und auch genug. Das kann man nicht viel länger aushalten. Danach braucht man eine Pause.

Es gibt immer wieder Meldungen, dass Neymar oder auch Lionel Messi kurz vor einem Wechsel nach England stehen. Glauben Sie daran? Und wie bewerten Sie ihre Saison in Barcelona?

Ich würde es lieben, wenn sie in der Premier League spielen würden. Sie ist die beste Liga der Welt. Aber im Moment hat sie nicht die besten Spieler der Welt. Für die Liga wäre es super, wenn beide kommen würden. Allerdings glaube ich momentan nicht daran.

Die Saison war sowohl für Messi als auch für Neymar schwierig, vor allem wegen der Sache mit der Steuerhinterziehung. Der Druck für beide war nicht nur wegen des Fußballs groß. Wegen dieser Ablenkung war es für mich klar, dass sie mit Barcelona in dieser Spielzeit keinen großen Titel gewinnen würden. Beide sind extrem wichtig für den Erfolg von Barca, aber in diesem Jahr hatten sie mit großen Problemen abseits des Platzes zu kämpfen. Bei all den Erwartungen darf man nicht vergessen, dass zuerst der Mensch kommt, dann erst der Fußballspieler. Mental waren beide in dieser Saison nicht in der Lage, dem großen Druck standzuhalten.

Aber Messi wird zurückkommen. Er wird sich Ronaldo anschauen und ebenfalls wieder auf dieses Level kommen. In der vergangenen Saison spielte er in der Copa America für Argentinien und hat keine Ruhe bekommen. Es war eine sehr lange Saison für die Spieler, auch für die europäischen mit der Euro 2016. Messi und Neymar sah man die Müdigkeit an.

Im nächsten Jahr ist es 20 Jahr her, dass Sie mit Frankreich Weltmeister wurden. Ist die aktuelle Auswahl der Equipe Tricolore gut genug, um diesen Triumph zu wiederholen?

Ja, ich denke das ist realistisch. Die Mannschaft wird von Jahr zu Jahr besser. Die Niederlage im EM-Finale gegen Portugal war zwar hart, aber sie tat der Entwicklung der jungen Mannschaft gut. Mit Spielern wie Griezmann, Kante, Varane und Bakayoko haben wir die Chance auf den Titel. Es gibt sicherlich nicht viele Mannschaften, die gerne gegen Frankreich spielen wollen.

Ich denke, dass wir bei der kommenden WM schwer zu schlagen sein werden. Wir haben uns zwar noch nicht qualifiziert, aber wir sind in einer guten Position. Verbesserungspotential sehe ich noch im Zusammenspiel zwischen Mittelfeld und Angriff. Zwischen den Linien müssen wir noch besser agieren. Zudem müssen wir lernen, als Mannschaft zu verteidigen. Wir wollen technisch anspruchsvollen Fußball spielen, aber wenn wir den Ball verlieren, sind die Lücken oftmals zu groß. Gegen durchschnittliche Teams ist das okay, aber gegen gute Mannschaften bekommen wir dann beim Verteidigen Probleme. Das haben wir gegen Spanien gesehen und folglich mit 0:2 verloren – übrigens die einzige Niederlage seit der Euro 2016.

Ich drücke die Daumen, dass wir bis zur WM keine Verletzungsprobleme bekommen. Im Mittelfeld und Angriff sind wir aber so gut aufgestellt, dass wir auch dann noch viele Möglichkeiten hätten.

Wer ist im Moment der wichtigste Spieler für Frankreich?

Da gibt es keinen einzelnen. Der Schlüssel des Teams ist die Defensive – Spieler wie Lloris, Koscielny, Varane und Kante. Trotzdem vergessen viele Leute, dass Kante keinesfalls die erste Wahl bei Deschamps ist. Aktuell bevorzugt der Trainer ein System, bei dem Kante nicht gesetzt ist.

Ein großes Problem, das wir gelöst haben, waren die Außenverteidiger-Positionen. Für eine lange Zeit hatten wir dort alte Spieler wie Sagna und Evra, die über ihren Zenit waren. Jetzt aber machen Sidibe und Mendy Druck. Diese Spieler sind wirklich gut. Sie sind körperlich robust und stark im Eins-gegen-Eins, sie helfen die Defensive zu stabilisieren. Wir haben ein gutes Grundgerüst in der Mannschaft. Vielleicht vermisse ich manchmal eine Nummer 10, einen klassischen Spielmacher hinter den Spitzen. Gerade dann, wenn Deschamps nicht mit 2 Stürmer spielen lässt.

Die Leute reden viel über Benzema, aber ich sehe für ihn keine Rückkehr – zumindest solange nicht, wie Deschamps das Sagen hat. Wir haben für die Offensive eine große Auswahl mit Leuten wie Payet, Coman und Dembele. Der Wettkampf für einen Platz im Team ist sehr hart. Ungefähr die Hälfte der Kaderplätze für die WM ist noch nicht fest.

Sie haben lange mit Zinedine Zidane in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Hätten Sie damit gerechnet, dass er als Trainer auf Anhieb großen Erfolg haben wird?

Ich war natürlich überrascht, dass er sofort erfolgreich war. Es ist nicht einfach, die Meisterschaft in Spanien zu gewinnen. Der Job bei Real Madrid ist ja kein Selbstläufer und sehr hart. Normalerweise wechseln sie in jedem 2. Jahr den Trainer. Was er bei Real Madrid macht, ist erstaunlich, er hat Charisma. Auch wenn dein Name Zinedine Zidane ist, ist es nicht selbstverständlich, dass man die Unterstützung der Mannschaft hat. Der Name bringt dir zwar Respekt ein, aber nach ein paar Wochen fangen die Spieler an, dich zu testen und stellen deine Entscheidungen in Frage. Sie werden versuchen die Autorität zu bekämpfen. Aber die Art und Weise wie er das Team führt, ist erstaunlich.

Schon einige Trainer vor ihm versuchten, Ronaldo mal eine Pause zu geben, aber sie schafften es nicht, weil der immer spielen wollte. Zizou hat ihn überzeugt, dass er die Partien spielen sollte, in denen er dem Team wirklich helfen kann. Dann geht er raus und macht einen Hattrick gegen Atletico im Champions-League-Halbfinale!

Ancelotti und Benitez haben diesen Spagat nicht so gut hinbekommen wie Zidane. Sie versuchten, gewisse Störungen mit Autorität zu bekämpfen. Zizou ist von seiner Art natürlicher und ein anderer Kommunikator. Natürlich war ich im letzten Jahr vom Gewinn der Champions League überrascht, aber die größere Leistung war für mich in dieser Saison der Titel in der Meisterschaft. Die Regelmäßigkeit über einen langen Zeitraum gute Ergebnisse abzuliefern, ist die große Kunst und das hat Zidane hinbekommen.

Als ehemaliger Barca-Spieler dürfen Sie Real Madrid im CL-Finale ja eigentlich nicht die Daumen drücken. Tun Sie das trotzdem aufgrund der Freundschaft zu Zidane oder halten Sie zu Juventus?

Ich respektiere beide Vereine, aber aufgrund eines Spielers würde ich mir wünschen, dass Juventus den Titel holt. Gianluigi Buffon hat es verdient, die Champion League zu gewinnen. Ich liebe diesen Kerl. Er ist so ein tolles Beispiel für die junge Generation. Für mich ist er einer der ganz Großen wie Xavi, Iniesta, Pirlo oder Xabi Alonso. Man hört sie selten reden, sie lassen den Fußball und Leistung sprechen. Und wenn sie dann mal reden, sind sie intelligent, gebildet und sprechen mit einer reinen Liebe zum Fußball. Aus diesem Grund möchte ich, dass Juventus für Buffon den Titel gewinnt.

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