bwin exklusiv: Stefan Kuntz über Glück bei großen Turnieren, die Karriere nach der Karriere und Geld im Fußball

bwin exklusiv: Stefan Kuntz über Glück bei großen Turnieren, die Karriere nach der Karriere und Geld im Fußball

Herr Kuntz, das EM-Aus der deutschen Elf ist erst ein paar Tage her. Wie erleben Sie solch ein Turnier: Als emotionaler Fan oder ganz trocken und abgezockt als Profi?

Das ist so eine Mischung. Fangen wir mit dem Italien-Spiel an: Das war für jemanden, der aus dem Fußball kommt, taktisch ein sehr interessantes Duell. Ich weiß aber, dass der normale Fußball-Fan das zu Hause nicht unbedingt genauso sieht. Die Emotionen kamen dann in der Verlängerung und dem Elfmeterschießen.

Beim Spiel gegen Frankreich war es dann etwas anders. Es gibt verschiedene Begriffe, die beschreiben, was solche Begegnungen, außer der Tagesform der Spieler, entscheiden kann. Die einen nennen es das Momentum, für andere ist es einfach Glück. Und genau das kennt man als Fußballer eben, das wiederholt sich immer wieder.

Bei der 96er Europameisterschaft hatten wir dieses Momentum: Im letzten Gruppenspiel gegen Italien. Die Italiener waren besser, aber Köpke hielt einen Elfmeter, Italien schied aus. Im Halbfinale gegen die Engländer waren wir dann überragend, aber wenn man dann an das Golden Goal im Finale gegen Tschechien denkt: Da hatte der Trainer natürlich ein glückliches Händchen gehabt.

Oder nehmen wir die WM in Brasilien 2014: Auch da hatte die deutsche Elf immer wieder das richtige Momentum. Denken wir an Neuers Aktion im Endspiel: Das hätte auch zu einem Elfmeter führen können, aber der wurde eben nicht gepfiffen.

Jetzt bei der EM 2016 hatten wir genau diese Vorteile nicht: Kroos hätte vielleicht einen Elfmeter bekommen können, da war zumindest eine Berührung da. Das muss man nicht pfeifen, aber wenn man eben genau dieses Glück hat, dann wird es gepfiffen. Dazu kommen zwei unglückliche oder ungeschickte Handspiele. All das kennst du als Fußballer so gut, weil du das schon so oft erlebt hast und weißt, dass es in beide Richtungen gehen kann. Von daher glaube ich schon, dass ich das schneller abhake.

Die deutsche Mannschaft war gut, hat ihre zu erwartende Leistung abgerufen, aber im Halbfinale brauchst du dann eben das gewisse Etwas mehr und das haben wir diesmal nicht gehabt.

Ich sehe, Sie betrachten das doch sachlicher und weniger emotional. Wie sieht das bei Ihren Ex-Klubs aus? Sie spielten mit Bochum, Uerdingen, dem FCK und Bielefeld erstklassig. Keiner der Vereine ist heute in der 1. Liga …

Bei jedem der Vereine ist es eine eigene Geschichte, warum es soweit gekommen ist. Mir wäre es natürlich lieber, wenn sie noch erfolgreicher spielen würden.

In Bochum habe ich meine Karriere als Bundesligaspieler gestartet und beendet und konnte in Vorstand arbeiten, als der Verein noch Bundesliga gespielt hat. Hieraus alleine ergibt sich schon ein besonderes Verhältnis zum VfL.

Uerdingen ist eine spezielle Geschichte. Die Firma Bayer hat sich seinerzeit ja entschieden, nur noch eine Mannschaft in großem Rahmen zu unterstützen und das war eben Leverkusen. Dadurch konnte man in Krefeld finanziell einfach nicht mehr mithalten.

In Bielefeld wohnt noch einer meiner besten Freunde und auch zu Besiktas Istanbul gibt es immer wieder Kontakt. Insgesamt ist es so, dass ich zu allen Vereinen noch eine gewisse Verbindung habe, aber es sind dann ehemalige Mitspieler, Mitarbeiter oder Personen aus dem fussballnahen Umfeld zu denen ich noch Kontakt pflege. Kaiserslautern ist natürlich eine spezielle Sache, das ist ja auch noch sehr frisch.

Sie waren 2 x Torschützenkönig, 1 x Fußballer des Jahres – warum sind Sie nie zu einem ganz großen Klub gewechselt? Oder war der FCK letztlich Anfang der 90ern sogar ein ganz großer Verein?

Wir waren Pokalsieger und deutscher Meister, dazu nochmal Zweiter und Vierter, das heißt, in dieser Zeit gehörten wir schon zur Spitze des deutschen Fußballs. Und die Gelegenheit, bei einem noch größeren Klub zu spielen, hat sich einfach nicht ergeben.

Der Meistertitel mit dem FCK 1991 war eine ziemliche Überraschung. Haben Sie daran vielleicht zurückdenken müssen, als Leicester in der vergangenen Saison die englische Liga aufgemischt hat?

Ja schon, das waren zwei etwas ungewöhnliche Titel, die wir mit dem FCK geholt haben. In der einen Saison wären wir fast abgestiegen, haben dann aber den Pokal gewonnen. In die folgende Spielzeit gingen wir zwar als Pokalsieger, doch im Vordergrund stand, dass wireine schwächere Saison hinter uns hatten. Allerdings wurden wir dann Meister – das war schon sehr überraschend.

Von der Qualität der Mannschaft her waren einige andere Teams besser besetzt, das muss man ganz klar sagen. Dieser Meistertitel war ein Triumph des Teamgeistes und auch der Fans, die haben einen großen Anteil daran gehabt. Wir hatten am vorletzten Spieltag zu Hause die Chance gegen Gladbach Meister zu werden. Das haben wir verdaddelt. In Köln mussten wir dann gewinnen und da waren 30.000 oder 40.000 FCK-Fans dabei. Die sind dann nach dem 6:3 auf den Platz gestürmt, da gibt es sensationelle Bilder. Das war schon sehr, sehr aufregend.

Wir wussten vor dem Spiel auch genau, dass 95% dieser Mannschaft in ihrer fußballerischen Karriere nicht mehr um einen Meistertitel spielen würden.

Solche Geschichten fehlen doch heute einfach, oder?

Ja, die fehlen, ganz klar. Die Schere im wirtschaftlichen Bereich ist halt viel zu weit auseinandergegangen. Natürlich haben auch einige Vereine schlichtweg schlecht gewirtschaftet, das ist auch Fakt.

Aber wenn man sich allein das TV-Gelder-Ranking ansieht, wird deutlich, wie groß die Unterschiede geworden sind. Für den Fußball ist es auf jeden Fall gut, wenn es ein Verein wie Leicester mal schafft, aber es ist eben sehr viel unwahrscheinlicher geworden.

Kommen wir auf Ihre Nationalmannschaftskarriere zu sprechen – Sie halten einen beeindruckenden Rekord: 25 Spiele, keine Niederlage.

Ach das ist doch absoluter Käse! Ich habe vielleicht 6 Spiele von Anfang an gemacht, sonst wurde ich eingewechselt, da ist es nicht so verwunderlich, dass die 25 Spiele nicht verloren gingen.

Aber Sie haben ja erst mit 31 debütiert, waren schon 5 Jahre zuvor Torschützenkönig. Da hätte doch einiges mehr drin sein können.

So ein spätes Debüt gäbe es heute natürlich nicht mehr. Ich hatte eine sehr starke Konkurrenz mit Klinsmann, Riedle, Völler, Kirsten. Die haben auch ständig mit ihren Vereinen international gespielt und standen so mehr im Fokus. Da ist es nicht ganz unverständlich, dass ihnen der Vorzug gegeben wurde.

Sprechen wir über ihr Karriereende und ihr Leben danach. Wie fiel die Entscheidung, mit dem Fußball aufzuhören? Viele Profis scheinen diesen Umbruch recht unvorbereitet anzugehen.

Bei mir kam dieses Gefühl an einem Tag hoch: Weder mein Herz, noch mein Kopf, noch mein Körper hatten noch Lust. Ich wusste, dass ich schnellstmöglich aufhören würde, wenn ich dieses Gefühl mal haben sollte.

Ich bin also nach Hause gefahren und habe zu meiner Frau gesagt, dass wir mal spazieren gehen müssen. Sie meinte direkt: „Du hörst mit dem Fußball auf“. Ich fand es immer schlimm ältere Kollegen zu sehen, bei denen ich mir dachte, dass sie besser schlussmachen sollten. Das wollte ich auf gar keinen Fall!

Ich wollte auch nicht ein Jahr nach dem anderen eine Liga tiefer spielen. Für mich hieß es: Schluss in der Bundesliga, Feierabend! Ich habe dann noch zwei Jahre hier in meinem Heimatdort und im Nachbardorf gespielt, da wollte ich nochmal den Fußball von früher erleben und mit meinem Bruder und anderen Kumpels zusammenspielen. Nach dem Spiel eine Kiste Bier und eine Frikadelle und fertig. Das war super gut!

Welche Rolle spielt dabei die Motivation, die irgendwann nachlässt?

Das geht so ineinander über. Auf der einen Seite ist die körperliche Komponente: Du denkst dir, dass die anderen auf einmal ganz schön schnell an dir vorbeilaufen. Ich war lange Kapitän und Leistungsträger, bin auf dem Platz vorweggegangen. Wenn man dann merkt, dass es nicht mehr geht, braucht man sich auch nicht mehr zu motivieren. Schlimmer als die Erkenntnis „Ich kann’s nicht mehr“ kann es ja nicht werden.

Nach dem Ende Ihrer Profi-Laufbahn wurden Sie zunächst Trainer. Immerhin 5 Jahre lang standen Sie zunächst an der Seitenlinie …

Ich bin gelernter Polizist, aber dahin konnte ich nicht zurück, dafür war ich zu lange aus dem Job raus. Für mich war klar, dass ich Trainer werden möchte. Ich hatte auch alle Scheine schon gemacht.

Mit etwas mehr Abstand denke ich heute, dass ich damals vielleicht auch meine Spielerzeit etwas verlängern wollte. Jeden Tag auf den Platz, Fußballschuhe an, in den Bus, Hotel, Spiel. Irgendwann merkte ich aber, dass mir bei dieser Arbeit etwas fehlt. Dann kam ein schweres Jahr der Arbeitslosigkeit, aber im Endeffekt tat es sehr gut aus dieser Fußballwelt mal in die normale Welt zurückzukehren.

Anschließend haben Sie ein Fernstudium gemacht, sind ins Management gegangen. Sie waren 8 Jahre Vorstandsvorsitzender beim 1. FC Kaiserslautern. Erzählen Sie uns mal aus erster Hand: Was macht es heute so schwer, einen Traditionsverein wie den FCK auch sportlich zu stabilisieren?

Das kann man mit einer einzelnen Antwort alleine nicht beantworten, weil dieses Thema sehr komplex ist und von Traditionsverein zu Traditionsverein unterschiedlich. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Erwartungshaltung machen es oft sehr schwer.

Wenn beispielsweise Freiburg absteigt, hat der Verein durch die Erstligajahre zuvor ein Eigenkapital, das ihm erlaubt, auch mal eine Saison mit einem hohen Minus abzuschließen . Kaiserslautern konnte das nicht. Wir hätten 3 bis 4 Jahre in der Bundesliga bleiben müssen, um das aufzuholen.

Bei uns war das besonders schlimm, weil wir nach dem Abstieg Dritter und zweimal Vierter geworden sind. Die Enttäuschung war natürlich groß, Emotionen schlugen ins Negative um – knapper kann man den Aufstieg schließlich kaum verpassen. Aber gemessen an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren das eigentlich überdurchschnittliche sportliche Erfolge. Das will dann aber niemand in Relation setzen. Da geht es nur um den Aufstieg, weil der FCK „gefühlt“ aufgrund seiner Historie, seiner Spieler und seiner Tradition in die Bundesliga gehört.

Warum ist die wirtschaftliche Kluft so groß?

Gerade durch die TV-Einnahmen haben sich die Rahmenbedingungen seit den 90er Jahren so stark verändert. Da muss man sich ja nur die Rankings ansehen. Vergleicht man den FCK mit Bundesliga-Klubs, dann sind das schon massive Unterschiede.

TV-Gelder und Transfers sind die einzigen Möglichkeiten um da ein Polster anzulegen. Die Ticketing-Einnahmen sind insgesamt stabil, auch wenn es im VIP-Bereich etwas rückläufige Zahlen gibt. Und auch im Merchandising sind die Traditionsklubs in der Regel schon weit vorne mit dabei, so dass da nicht viel Wachstum möglich ist.

Und man darf nicht vergessen, dass es in der Bundesliga auch immer wieder andere Traditionsklubs gibt, die Probleme haben. Frankfurt ist fast abgestiegen, Bremen steckte unten drin, ein Verein, der noch lange nach dem FCK eine wesentliche Rolle gespielt hat. Stuttgart natürlich auch.

Also gucken wir uns Traditionsklubs zukünftig nur noch in der 2. Liga an?

Zumindest ist die Gefahr heute größer, dass finanzkräftigere Klubs die Traditionsvereine überholen.

Wäre vor diesem Hintergrund eine generelle Öffnung für Investoren und der Abschied von der 50+1 Regel sinnvoll – also im Endeffekt englische Verhältnisse?

Ich glaube, dass 50+1 auf Dauer nicht zu halten ist.

Ein letztes Thema: Die Belastung im Fußball-Umfeld. Gerade erst ist Matthias Sammer beim FC Bayern zurückgetreten. Brauchen Sie auch eine Auszeit? Wie sehen Ihre Pläne aus?

Die ständige Erreichbarkeit, der Arbeitsaufwand, der Druck der Öffentlichkeit ist schon wesentlich größer als früher. Natürlich haben wir als Spieler früher auch mal durchgefeiert. Aber wenn ich dann am nächsten Morgen zum Bäcker bin in Badelatschen und abstehenden Haaren, haben höchstens zwei Nachbarinnen gesagt „der Kuntz sieht aber sonntagsmorgens nicht besonders gut aus“.

Heute würde einer ein Bild mit seinem Handy machen, stellt es ins Netz und 1 Million wissen, dass ich sonntagsmorgens nicht besonders gut aussehe. Die Spieler und viele Verantwortliche sind nie allein, den meisten sehnen sich nach einem Rückzugsort, wo sie mal tun und lassen können, was sie wollen. Diese Form des Stresses kann ein Mensch, der nicht ständig in der Öffentlichkeit steht, nicht nachvollziehen. Und das äußert sich dann eventuell auch in einer Reaktion wie der von Matthias Sammer.

Was meine berufliche Zukunft betrifft, bin ich gerade in einer Reflektionsphase. Ich bin da relativ weit und werde daraus eine Perspektive entwickeln.

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